Palmas Gegensätze

Nicht einmal die erbarmungslose Mittagshitze kann die Touristenlawinen, die sich lethargisch durch die Gassen schieben, davon abhalten hierher zu kommen. Weder die überfüllten Parkplätze, noch die überteuerten Preise. Auch nicht die Gefahr mitten in der Lawine bestohlen zu werden. Genau hier scheint das Ballungszentrum der Touristenindustrie ihren Ursprung zu nehmen. Tagtäglich kommen sie aus aller Welt an. Die Reichen, die Schönen, die Mittelklässler, die Sonnen und Hirnverbrannten, die Kulturinteressierten, die Shoppingsüchtigen, die erste Mal Reisenden, die Romantiker, die Adligen, die Künstler, die Suchenden. Wer so wie ich, vom Lande hier her kommt, tauscht vieles ein. Leere gegen volle Straßen, Heimisches gegen Multikulti, vertrautes gegen Toleranz.

Das heutige Palma mit all seinen Kontrasten und Gegensätzen entzieht sich schon mal einer klaren Zuordnung.Das mir wohl bekannte „auf den ersten Blick“ lässt sich hier nicht anwenden. Ich muss „meinen Blick“ suchen. Unvermeidlich wird hier aus mir ein Welten -und Kulturversteher. Die Vielfältigkeit dieses Fleckchens Erde ist einer der Hauptgründe warum ich regelmäßig wiederkehre.

 

Palma de Mallorca

 

Palma ist eine lebhafte und verführerische Stadt die mich hinein zieht, mit all dem Schönen und den Problemen. Noch Wochen nach der Heimkehr bleibt sie im Gedächtnis. Die Bilder und die Momente tauchen immer wieder auf. Wie aus dem Nichts sind sie plötzlich da und zehren mich wieder fort.

Hier verweile ich gerne und fülle meinen virtuellen Erinnerungsspeicher. Oft sitze ich in winzigen Cafes, wo ich im Schatten der Orangenbäume ein Glas Wein oder einen Kaffee in einer lebendigen Atmosphäre genieße. Wo die Bilder des Augenblicks an mir vorbei ziehen. Wo die Vergangenheit, der Glaube und der katalanische Nationalstolz allgegenwärtig sind und offen getragen werden. Wo ich mich als eingefleischter Menschenmassen – Meider, für einen kurzen Augenblick mit ihnen versöhne.

 

 

Wenn ich in den Cafes sitze und beobachte, verschwimmt in der ruhelosen Vorwärtsbewegung alles und jeder. Ich werde regelrecht von den Kontrasten und den Gegensätzen erdrückt. Straßenmusikanten, Zauberer und Körperkünstler aller Hautfarben runden das Geschehen ab und erinnern mich, mich den Reisenden, an die Weltoffenheit Palmas, wo das Einheimische und ursprüngliche auf das vorübergehende trifft.

 

 

Mallorquinische Spezialitäten

 

In der Hitze der Mittagssonne, wenn sogar die Mauern glühen, schleiche ich durch die labyrinthartigen Gassen. Ganz dicht dran an den Fassaden in den restlichen Schatten. Hier suche ich sie. Die Orte der Ruhe, inmitten der Rastlosigkeit. Kleine Oasen, die absichtlich im Verborgenen ruhen. Die Restaurants mit Hinterhöfen, die mit den wenigen Tischen. Wo in den kunstvollen Brunnen schneeweiße Tauben und Zaunkönige baden. Hier finde ich die unverfälschten Speisen, die nicht vom Festland oder Übersee mitgebracht wurden. Speisen die typisch mallorquinisch, ländlich, rustikal und von der regionalen Landwirtschaft geprägt wurden. Die Pambolis, die Sobrasadas und die Tapas.

 

Cafe in Palma

 

Als Behauptung lass ich eins gelten: Nur dort wo Einheimische essen, wird auch einheimisches geboten. Die entsprechenden Lokale hört man schon vom weiten. Denn die Mallorquiner essen gerne gesellig und ausgiebig. Es mag sich kitschig anhören, doch ohne diesen Kitsch würde man Palma seiner Reize und seiner Magie berauben. Man würde Palma die Augenblicke nehmen, die unvergesslich bleiben. Wie eines meiner eigenen Lieblingsaugenblicke.

Es ist Karfreitag. Ich bin über Ostern auf Mallorca. Wie so oft, wenn ich Palma besuche, sitze ich in einem Cafe. Ich sitze Draußen, wo nur eine handvoll Tische unter einem großen Baum stehen. Um mich herum tobt das Leben. Plötzlich verstummen die Geräusche, es wird gespenstisch leise. Aus einem Grund den ich erst nicht erkenne, teilen sich die Massen und bereiten einen schmalen Weg. Als ich in die Richtung schaue, sehe ich einen kleinen Jungen in einem weißen Chorhemd. Er hält ein schmuckloses Kreuz in die Höhe. Hinter ihm folgen hunderte, ausschließlich Jungen und Männer. Es ist ein Meer aus Weiß inmitten einer absoluten Stille. Eine Kirchliche Prozession. Es ist ein rein mallorquinischer Moment und dieser Moment gibt mir etwas. Eine Erkenntnis. Vielleicht sind wir die Fremden, die Besucher, egal ob Tourist oder Reisender, doch etwas zu viele. Als der magische Augenblick vorüber ist, merke ich, dass der einzige Beweis den ich für diesen Moment erbringe kann, nur in meinem Kopf zu finden ist. Vor lauter staunen und Ergriffenheit habe ich vergessen den Auslöser zu drücken.

Palma

Erwähnen muss ich auch den Hafen, wo hunderte Masten in den Himmel schauen. Wo kleinere Boote friedlich in den ruhigen Wellen schaukeln und die großen einfach nur in der Sonne strahlen. Es gibt Tage, da kommen sogar die Giganten, die schwimmenden Hotels, die Repräsentanten des materiellen Erfolges. Die Herdenlieferanten.

 

Es muss Vorteile haben auf diese Theaterbühne von Meer aus zu kommen. Sie schon von weiten zu sehen, die Heldin der Stadt. Die La Seu Kathedrale. Von einem einzigartigen Platz aus, über dem Mittelmeer, scheint La Seu über der Stadt zu wachen. Auch das muss ein magischer Moment sein.

Für viele ist es die schönste Stadt im Mittelmeer und der Inbegriff einer mediterranen Lebenskultur. Für mich vereint Palma auf eine besondere Weise das vergangene mit dem modernen. Schon fast übergangslos fließen die Gegensätze und Widersprüche ineinander. Historische Gebäude und schicke Einkaufsläden stehen oft nebeneinander, ohne sich optisch zu stören. Von Palmen gesäumte Straßen, Parks, Gärten und die allgegenwärtige katalanische Kultur, lassen mich endgültig auf dieser Insel ankommen.

Die La Seu Kathedrale

Man kommt nicht umher, um die Problematik, um die Maßlosigkeit. Man muss sie erwähnen, die kollabierenden Straßen, die überfüllten Strände. Die Auswüchse des Massentourismus. Die „Transportmaschinen, mit den herein stürzenden vierzehn Millionen. Die Wohnungsknappheit, die Leihwagen – Blechlawinen. Ich will sie jetzt nicht aufzählen, die Pros und die Contras. Nur verschweigen will ich sie auch nicht.

 

Von MD

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