Irland. Der erste Tag

Am frühen Nachmittag erreiche ich Sheep`s Head, das im Südwesten von Irland liegt. Weitab von hellen Lichtern und dem Lärm einer Großstadt. Ich miete ein Zimmer in einer kleinen Pension mit dem Ausblick auf den Ozean und die Berge. Die Pension liegt so nah am Wasser, dass bei stärkerem Wind die Gischt gegen die Fensterscheiben schlägt. Das Zimmer ist sehr persönlich eingerichtet. Bunte Bettdecken, bunte Gardienen, Blumen und Porträts an den Wänden. Ich glaube im Schlafzimmer der Besitzer zu übernachten. Als ich aus dem Fenster schaue sehe ich die Natur in ihrer schönsten Form.Beim Anblick dieser Gegend brenne ich vor Energie, möchte umherziehen, ich möchte raus, denn dieser Ort wirkt magisch.

 

Irland

 

Fragen mich die Menschen warum gerade Irland, so ist meine Antwort stets die gleiche.

Weil Irland ursprünglich ist, in vielen Teilen des Landes so geblieben wie seit jeher. Wandert man dort entlang der Küsten, so glaubt man entlang jener Grenzen zu gehen, die das Ende der Welt markieren. Schaut man von den Klüften auf den Ozean, so spürt man die Kraft des Wassers welche sich in den steinigen Felsen entlädt. Vielleicht aber auch Irland, weil dort das Gras in unzähligen Grüntönen leuchtet und dem Land etwas Verträumtes und Außergewöhnliches verleiht.

 

 

Vielleicht aber auch, weil Irland so vieles bietet und irgendwie so vieles auf einmal. Landstriche, die sich wie Finger einer Hand in den Atlantik erstrecken, Klippen die fast senkrecht aus dem Ozean ragen, Mondlandschaften die sich mit langgezogenen Bergketten abwechseln und nicht zu vergessen die Pubs, die gefüllt sind mit Menschen, die uns mit ihrer speziellen freundlichen Art begegnen.

Irland entschleunigt und tut es zwangsläufig.

Nicht wegen der Siesta, oder der Hitze wie es der Süden tut, sondern wegen der Landschaft. Hier kannst du nicht anders, hier bleibst du stehen, um zu staunen, um zu bewundern. Und das alles mit der Hoffnung, dass die Bilder sich für die Ewigkeit in der Erinnerung fest brennen. Und wenn man ein wenig länger wartet und so staunt und so bewundert, da fängt man an zu erkennen, warum nur hier die irische Seele geboren werden konnte.

 

Irlands Wanderwege

 

Ich packe gar nicht erst aus, sondern ziehe meine Wanderklamotten an und laufe los. Ohne Karte, ohne GPS, keine feste Rute, kein vorgegebener Weg. Ich folge einfach  der Schönheit Sheep`s Heads, die nirgends wo aufzuhören scheint. Es geht weiter, immer weiter. Hinter jeder Kurve, hinter jedem Hügel eröffnet sich hier wieder ein anderes Stückchen Landschaft, welches das vorherige zu übertreffen scheint. Das Meer, das Licht, die Farben, alles scheint ineinander zu fließen. Als ob die Natur hier ihr bestes gegeben hätte, nach dem Bauplan des Schöpfer selbst. Ich wandere zwei Stunden umher und erreiche ein altes steiniges Gebäude, welches zu hälfte von Efeu bewachsen ist. Das große Bauwerk ist verlassen, die Bewohner seit Jahrzehnten fort. Geblieben sind nur der Charme, ein Rest von Anmut und eine unbekannte Geschichte.

 

Irland

 

Als ich weiter ins Landesinnere vordringe, beendet ein natürliches Moorgebiet meine Wanderung.

Hier ist es still, schon fast beängstigend still. Ich höre nichts, absolut gar nichts. Kein Geräusch lässt erkennen, dass irgendwo, irgendjemand, oder irgendwas hier leben würde. Und dann plötzlich und völlig unerwartet, kommt er, der irische Regen. Leise und sanft und irgendwie passend zu der Stille die mich umgibt. Irland bietet dir Farben, es bietet dir Sonne, und es bietet dir den Regen. Von allem genug. Und es überrascht, wie bereitwillig alles angenommen wird.

 

Ich gehe weiter, wieder ein Stück zurück und finde einen neuen Wanderpfad. Er ist schmal und nicht besonders gut gekennzeichnet, so das ich die Richtung eher erahne als erkenne. Dann geht es höher, nicht wirklich steil, aber die Beine merken es. Es ist kein Berg eher eine Erhebung.

Am höchsten Punkt erlaube ich mir eine kurze Pause und schaue mich um. Von dort oben erfasse ich die volle Schönheit Sheep`s Heads. Ich sehe dunkel grüne Wiesen, felsige Strände, versteckte Buchten und spüre die angenehme Kühle die vom Atlantik kommt.

 

Bei all der Pracht, langsam wir es Zeit, ich muss zurück, also laufe ich wieder ins Landesinnere immer die Erhebungen hoch und runter. Später an alten Häusern vorbei und an Menschen die mir aus ihren Gärten zuwinken, so als ob ich einer von ihnen wäre.

 

Fischer

 

Schließlich nach Stunden, liege ich wieder erschöpft auf dem Bett der kleinen Pension, hinter den Fenstern das irische Panorama. Abends esse ich in einem kleinen Familienrestaurant Hummer. Die Region um Sheep`s Head rum ist Hummer Region. Hier wird Hummer von allen gegessen, hier ist Hummer kein Snob Essen, hier können sich Hummer alle leisten.

Irland bietet wirklich viel, aber vor allem bietet Irland das Gefühl angekommen zu sein und nach unserer ersehnten Reise nicht mehr suchen zu müssen.

Wir können uns zwischen all dem was wir dort entdecken fallen lassen. Wer dort entlang des Atlantiks reist, zu rechten den Ozean und zu linken die Bergketten, der weiß, dass er in diesem Land etwas von sich lassen wird. Nämlich, den Wunsch wieder zu kommen.

 

Irlands Straßen

 

Irland ist ein Land, welches nicht nur erlebt, sondern geschmeckt, gerochen und gefüllt werden muss.

Irland ist ein Land, welches bis an die Grenzen des Lebens gespürt werden muss. Nur wer einmal da gewesen ist, weiß, dass die Verträumtheit einen Ort zum leben gefunden hat.

Mir wird klar, dass wir, die Europäer in die entlegensten Winkel dieser Erde verreisen ohne zu ahnen was uns unser eigener Kontinent bietet. Unmittelbar vor der eigenen Haustür, finden wir meist das was wir in der Ferne suchen. Es ist die Sehnsucht, die uns in die Ferne treibt. Doch sollten wir nicht vergessen, dass die Ferne oft nur in unseren Gedanken existiert.

 

Irlands Landschaft

Von MD

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