Barcelona und das Barri Gòtic

Barri Gòtic.

Das Problem an Barcelona ist, dass es dir alles bietet und irgendwie alles auf einmal. Was ist Sehenswert und was nicht, wer vermag das schon zu entscheiden. Reiseführer? Stadtkarten? Touristen? Alle Sehenswürdigkeiten über die ich lese, die ich auf Bildern, oder Plakaten entdecke, erscheinen mir gleich bedeutend, gleich interessant. Und sie sind alle überfüllt mit Touristen, die an ihnen kein wirkliches Interesse haben. Den meisten geht’s nur um das Foto.

Nach langem hin und her entscheide ich mich für das Barri Gòtic. Jenes Viertel welches in vielen Reiseführern als das Herz Barcelonas bezeichnet wird. Es ist das älteste Viertel Barcelonas, unter anderem mit dem meist besuchten Museum der Stadt. Das Museu Picasso. Picasso lebte und arbeitete in Barcelona fast zehn Jahre lang. Anschließend fühlte sich das künstlerische Genie sein Leben lang dieser Stadt verbunden.

In Barri Gòtic sind die Gassen eng. Sie sind beängstigend eng. An manchen stellen gerade Mal drei Meter breit. Die meisten Gebäude stammen aus dem 14 und 15 Jahrhundert. Dem Zeitraum, als Katalonien im Mittelmeerraum seine Vormachtstellung beanspruchte. Das Barri Gòtic ist pure Geschichte und hier ist die Geschichte lebendig geblieben. Hier, innerhalb der alten Mauern leben Studenten, Künstler, alte Menschen und Immigranten. Sie haben hier schon immer gelebt.

Ignoriert man für einen kurzen Augenblick die Bewohner und Touristen, die sich in den engen Gassen herumtreiben, so fühlt man sich in der Zeit versetzt. Hier scheint alles wie seid jeher.

Ich laufe vorbei an verqualmten Kneipen. An Läden die extravagantes, oder groteskes anbieten. An schicken Szenecafes in denen junge und alte Menschen sitzen. An kleinen Galerien und Ateliers in denen junge Künstler arbeiten und vom Entdeckt werden träumen. Über mir hängen Wäscheleinen, die vom Haus zu Haus, vom Balkon zu Balkon gespannt wurden. Ich laufe immer weiter und begebe mich tiefer in diese fesselnde Welt. Langsam verschwindet der vertraute Geruch Barcelonas und weicht einem Gestank vom Urin und Abfall. Umso tiefer ich mich in die engen und verwinkelten Gassen hinein traue, umso weniger Touristen begegne ich. Bis irgendwann nur noch Künstler und Betrunkene gleichgültig an mir vorbei laufen. Obwohl es offensichtlich ist, dass ich nicht hierher passe, nicht hierher gehöre, vermittelt mir niemand das Gefühl hier unwillkommen zu sein. Ich muss meine Anwesenheit nicht rechtfertigen. Es ist eher so als wäre ich wie ein Geist. Ein Geist der nicht bleibt. Ein Geist der sich bald auflösen wird.

Barri Gòtic ist weder düster, noch erweckt es den Anschein gefährlich zu sein. Zumindest empfinde ich so. Es entsteht eher die Vorstellung, als wäre es eine Welt, die in sich verschlossen geblieben ist. Es ist eine schöne und alte Welt die es immer noch allen zeigen möchte. Schaut her. Ich war und ich bin.

Irgendwann beendet das Mittelmeer meine Reise durch diese fremde Welt.  Anscheinend bin ich die ganze Zeit über in Richtung Südosten gelaufen. Ich habe in dem ältesten Viertel Barcelonas drei Stunden verbracht und hätte noch Stunden bleiben können.

Nachdenklich gehe ich auf den Hafen zu. Schon vom Weiten sehe ich die Seilbahn, die über dem Meer schwebt. Langsam, sanft, still.

An der Hafenpromenade sitze ich in einem Restaurant und schaue abwechselnd auf das Meer und die Menschen. In Barcelona wirst du automatisch zum Zuschauer, wenn du sitzt. Denn wer sitzt, entflieht für einen Moment dem Sog, den diese schnelle und laute Stadt erzeugt. Wer sitzt, der genießt. Vielleicht den Wein, vielleicht die Speisen, vielleicht aber auch das Leben. Der Kellner bringt mir meine bestellte Speise und reist mich aus meinen Gedanken zurück. Vor mir steht eine heiße Pfanne, aus der Muscheln und Tintenfische herausgucken. Ich weiß, dass Paella keine katalonische Speise ist. Und doch hat sie sich hier verbreitet. Ein weiterer Beweis für die Toleranz dieser Mittelmeermetropole.

Von MD

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