Von Tau bis nach Hardangervidda

Wir musste uns einen Ruck geben, um in der frühe aus dem Bett zu kriechen. Doch ich weiß, die Reise ist kurz, die Stunden wertvoll, außerdem steht uns heute die längste Etappe bevor. Wir wollen von Tau bis nach Hardangervidda, Europas größte Hochebene, um dort durch die weltweit bekannte Einsamkeit zu Wandern.

Bereits beim Frühstück reise ich in Gedanken voraus. Ich kämpfe gegen den inneren Drang an, alles liegen zu lassen und sofort loszufahren. Die Unterhaltung mit meinem Sohn bekomme ich nur teilweise mit. Die Tischnachbarn im Frühstücksraum sind nichts weiter, als bedeutungslosen Silhouetten. Irgendwo im Raum läuft ein Fernseher, vielleicht auch ein Radio, ich weiß es nicht. Innerlich plane und entwerfe ich unsere Reiseroute, schaue abwechselnd auf die Karte und das Navi.  Mein GPS zeigt eine Reiseroute von über 400 Kilometer an und eine durchschnittliche Reisedauer von etwa 7 Stunden. Die Pausen für´s Fotografiere und Staunen nicht eingerechnet. Außerdem beinhaltet die Route eine Fährenfahrt und ein Teil der Strecke führt über eine unbefestigte Strasse. Ich mag unbefestigte Strassen, sie beunruhigen mich nicht. Im Gegenteil, ich freue mich drauf, muss es nur mit einplanen. Nur mit Mühe zwinge ich mich den Kaffee auszutrinken und mein Frühstück aufzuessen. Dann endlich verstauen wir unsere Sachen und fahren los. Jeden Morgen das selbe. Aufstehen, Essen, Packen. Das Aufbrechen wird zu Routine. Die einzige Routine, die ich wirklich mag. Endlich, ich bin Unterwegs.

 

Norwegen

 

Während ich am Steuer sitze und in Gedanken verloren lenke, schaut mein Sohn still und bewundernd aus dem Fenster.

Die Landschaft ist einfach fenomenal. Ich kann mich nicht satt sehen an den glänzenden Fjorden, der Weite und der Einsamkeit. Langsam fange ich an zu glauben, dass Norwegen nur schönes zu bieten hat. Die ersten Kilometer fahren wir durch langgezogene Kurven. Zu rechten der Fjord und zu Linken senkrecht aus den Boden ragende Felswände. Aus dem Fjord erheben sich kleine Inselchen, mit den typisch norwegisch rot weißen Fischerhäusern. Manche besitzen Bootstege, manche nicht. Es sind kleine Inseln, mit kleinen Häusern. Doch ihr Anblick hat etwas Großes. Ich stelle mir vor, wie ich mit einem Buch und etwas zu essen dort ein paar Tage verbringe und träume. Der Legende nach sollen Meerjungfrauen hin und wieder auf die kleinen Inseln an Land gegangen sein und mit ihren Gesang die Wikinger angelockt haben. Ich würde warten und dem Gesang zuhören.

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Norwegen

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Trotz der grüner Landschaft  ist es eine raue Welt, wo der Wind eisig kalt über die Fjorde fegt.

Wo der Winter erbarmungslos über Monate zupacken kann. Zwangsläufig denke ich an das Leben wie es früher einmal war und daran wie die Menschen hier zu recht gekommen sind. Ohne gut ausgebaute Strassen, ohne Tunnel und ohne Elektrizität. Wie haben sie ihre Felder bestellt und ihr Vieh gehütet? Wie haben sie ihre Kinder großgezogen und sie medizinisch versorgt. Zwischen den Siedlungen, können schon mal zwanzig bis  dreißig Kilometer liegen.

 

 

Norwegen

 

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Hütte in Norwegen

 

Ich lehne mich in dem Sitz zurück und  lasse die Natur an mir vorbei rauschen.

Mir gehen tausend Gedanken durch den Kopf, die sich in der Schweigsamkeit frei entfalten können. Hin und wieder ist mir die Welt so am liebsten. Wenn sie still ist und mich einfach nur sein lässt. Wenn die gewohnte Umgebung keine mehr ist und wenn die tägliche Routine einem außergewöhnlichen Leben weicht. Einem Leben unterwegs. In einem Buch habe ich mal gelesen, dass die mongolischen Nomaden gewissermaßen ähnlich empfinden. Auch sie sind am glücklichsten wenn sie unterwegs sind.

Trotz der Strapazen und trotz des beschwerlichen Lebens. Der Stillstand bedeutet Qual. Für einen Nomaden ist das Reisen sein Leben und nicht nur ein Teil davon. Wir fahren weiter, kommen gut durch und fressen Kilometer. Mittlerweile sind wir in Fjordnorwegen. Viel Wasser, viele Buchten und viele Tunnels und eine Fahrt mit der Fähre, die nur zehn Minuten dauert. Hin und wieder machen wir kleine zwischen Stopps und fotografieren. Würden wir aus dem Auto heraus knipsen, würden wir wahrscheinlich viel Zeit sparen.  Allerdings braucht ein gutes Foto auch Zeit, die wir uns gerne nehmen. Wir stellen Stative auf und spielen mit den Einstellungen.

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Mittlerweile befinden wir uns auf ca.1500 Höhenmetern. Hier oben geben die Berge den Ton an und liefern ein optisches Highlight nach dem anderen. Sie herrschen nicht nur über das Panorama, sondern auch über das Wetter. Weder die Sonne, noch die Wolken, noch der Wind werden von den Bergen lange geduldet. Dazu ändert sich das Wetter mit jedem gefahrenen Kilometer. Und auch die Temperaturanzeige des Autos springt hin und her. Dort wo die hohen Berge die Sonne verdecken fällt die Temperatur auf 2 Grad. Auf der Straße bildet sich eine Frostschicht, die an Zuckerguss erinnert. Nicht schlecht für Anfang Oktober.

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Norwegens Landschaft

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An einer Stelle, die die höchste zu sein scheint, bleiben wir stehen und genießen das Bergpanorama in Norwegen.

Die Bauernhäuser unten im Tal schaffen das Bild einer Alpenidylle. Dort unten müssen sich die Menschen wohl fühlen, so beschützt durch ihre Berge, die sie wahrscheinlich seid ihrer Kindheit an kennen. Ich komme von dem Anblick nicht los, könnte dort eine Ewigkeit stehen und bewundern.

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Ein Dorf in Norwegen

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Nach etwa vier Stunden Fahrt wird es Zeit für eine richtige Pause. Wir holen unseren Gaskocher raus und bereiten uns unser Mittagessen zu. Die Mahlzeit ist gewöhnungsbedürftig, es gibt Ravioli aus der Dose. Ein Klassiker. Doch die Aussicht die wir beim essen bekommen muss dir ein drei Sterne Restaurant erst einmal bieten können. Damit das ganze kulinarisch nicht komplett abgeschrieben werden muss, gibt es noch Tee, Kaffee und Kuchen. Wir finden hinter ein paar Büschen ein kleines Felsplateu mit dem Blick auf eine Lachszuchtfarm. Nach ein paar Minuten Erholung geht es auch schon wieder weiter. Norwegen wartet.

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Kochen am Fjord in Norwegen

 

Lachs Farm in Norwegen

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Die Landstrasse 13 führt uns weiter vorbei an lebendig fließenden Flüssen, mit steinigen Ufern.

Vorbei an spektakulären Wasserfällen, vorbei an hängenden Brücken und vorbei an einer vielfältiger Fauna und Flora. Ohne es zu merken, haben wir uns an das Tempo der Natur angepasst. Norwegen hat uns entschleunigt. Das Tempolimit ist überflüssig. In wenigen Kilometern müssten wir die Region Hardanger erreicht haben.

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Landstraße in Norwegen

 

Von MD

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