Preikestolen

Manchmal bietet die Stille, die bessere Möglichkeit mit dem Erlebten fertig zu werden. Zumal das Verstummen helfen kann, das Überwältigende zu begreifen. Es kann so einfach sein, etwas intensiver zu leben und aus dem Alltag auszubrechen.

Hand in Hand, stehe ich in mich versunken mit meinem Sohn so nah am Abgrund, wie es mir meine väterliche Vernunft erlaubt. Dabei komme ich mir einen Moment lang ein wenig erhaben vor. Auf Augenhöhe mit der ganzen Welt. Auf Augenhöhe mit den Göttern im Land der Fischer und Wikinger. Die norwegische Natur erscheint makellos. Ohne Fehler, ohne Hektik und ohne Anzeichen einer störenden Zivilisation.

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Preikestolen

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Weit unter mir glitzert und leuchtet alles im Schein der Abendsonne. Aus dieser Höhe werden die Schiffe auf dem Lysefjord zu Miniaturboten. Große Eichen und Tannenbäume zu Bonsaibäumen und die Waldflächen zu einer herbst goldenen Masse.

 

Der endlose Horizont zeigt eine Wildnislandschaft, wo alle Linien zusammen laufen. Nicht einmal die Erdkrümmung schafft es Grenzen zu ziehen. Hinter uns ragt über allem eine graue und kalte Felswand, die einen dunklen Schatten wirft und dadurch bedrohlich wirkt. Es ist still auf der „Kanzel“. So still, dass ich mich in der Vorstellung verliere frei und allein zu sein. Es gibt gute Tage im Leben eines Reisenden und heute ist einer davon, auch wenn ein ziemlich schwer erkämpfter.

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Die Kanzel

 

 

 

Preikestolen

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Heute haben wir beide etwas erlebt, aber nicht auf eine coole, wilde Art, sondern still. Ich für meinen Teil kenne die Wirkung die fremde Orte auf Reisende haben. Sie schenken mir grenzenlose Energie.

Mein Sohn wird es mit zehn Jahren noch nicht erkennen, aber er wird sich an das Gefühl erinnern die diese Erfahrung in ihm ausgelöst hat.

 

Wir beschließen die Einsamkeit für unser Foto zu nutzen und suchen nach einer geeigneten Stelle.

So schnell wie möglich baue ich mein mitgeschlepptes Stativ auf, aktiviere den Fernauslöser und bringe uns beide in Position.

 

Immer wieder laufe ich umher, stelle die Kamera neu auf, suche nach anderen Blickwinkeln und ändere die Verschlusszeiten. Bis ich endlich nach einer gefühlten Ewigkeit das gewünschte Foto im Kasten habe. Es ist weder gut belichtet noch besonders scharf. Doch ich weiß, dass es uns und die daheim gebliebenen, ewig an diesen Tag erinnern wird.

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Lyse Fjord

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Etwa dreißig Minuten verbringen wir auf dem Gipfel. Auf dem Gipfel, der im herkömmlichen Sinne keiner ist. Doch für uns beide ist es der Gipfel des Tages. Er beruhigt unser Ego und lässt uns von weiteren Abenteuern träumen. Er erinnert uns daran, dass das Abenteuer in jedem von uns steckt und die Schale der Tatenlosigkeit nur durchbrochen werden muss.

Es müssen nicht die Höchsten Berge dieser Erde sein, manchmal reicht schon der norwegischer Preikestolen. Und manchmal der Hügel vor der eigenen Haustür.

Das Zuhause an welches ich jetzt denke, erscheint mir so weit weg, dass es wie eine andere Welt erscheint. Ich denke an meine Frau und an meine Tochter und bedauere sie nicht bei mir zu haben.

Langsam aber sicher wird das Sonnenlicht schwächer.

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Preikestolen

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Es ist bereits nach 17 Uhr und der Abstieg noch vor uns. Außerdem beruhigt mich die Tatsache nicht, dass wir für heute noch keine Schlafmöglichkeit haben. Darum werde ich mich unten angekommen, als erstes kümmern müssen.

Noch ein Mal schaue ich in die Ferne und verspreche dieser Welt wieder zu kommen. Schließlich habe ich noch eine Tochter. Noch sehr jung, aber die Zeit arbeitet für sie.

Von MD

>>>Hier geht`s zu: Auf dem Weg zu den Göttern<<< 

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