Auf dem Weg zu den Göttern

Über die Jahre ist mir klar geworden, dass ich nicht nur wegen dem reise was ich unterwegs erlebe.      Meine Reisen entspringen einer inneren Unruhe, die mich fort treibt und mir die Alternative des bleiben wollen stiehlt. Das „Daheim hocken“, sich um Haus und Garten kümmern, bietet mir nicht annährend das Selbe. Schon in der Kindheit fiel es mir nicht schwer Abschied von zu Hause zu nehmen.

Ich kämpfte stets gegen das Fernwe und nie gegen das Heimweh. Mit zehn Jahren fuhren meine Eltern mit mir quer durch Europa. Unterwegs campten wir, meist wild in einem kleinen und stickigen Wohnwagen, in dem jede Nacht die Fenster und Türen wegen der Gefahr eines Raubüberfalls geschlossen bleiben mussten. Wir waren den ganzen Sommer über unterwegs. Ich weiß noch wie ich mich auf den täglichen Aufbruch freute. Auf das zusammenpacken und das verstauen. Auf das weiter und immer weiter. Der Roadtrip wurde zu meinem kindlichen Abenteuer und zu einer bis heute anhaltenden Passion.

Jetzt fast dreißig Jahre und unzählige Reisen später, habe ich selber einen Sohn der genau so alt ist wie ich damals, als mein Trip begann. Sicherlich hat sich der Reisekomfort geändert, aber die Grundidee blieb dieselbe. Nämlich, dem Fernweh und dem Verlangen nach Abenteuer nachzugeben. Ich hoffe, dass Noah annähernd das gleiche empfinden wird und ins geheim bete ich, dass er die gleiche Leidenschaft entwickelt. Das sind exakt die Gedanken, die mir durch den Kopf gehen, als ich beobachte wie er sich seine Wanderschuhe schnürt, seine Jacke schließt und den Hüftgurt seines Rucksacks festmacht. Ich weiß, dass er glaubt bereit zu sein für das was heute kommen wird. Ich persönlich habe meine Zweifel, die ich nie zeigen würde. Der Weg zum Preikestolen ist nicht gerade ein Spaziergang, nicht für ein Kind. Allerdings bietet der Preikestolen, was übersetzt soviel wie die Kanzel heißt, auch eine unglaubliche Aussicht die man einmal im Leben gesehen haben muss. CNN und auch der Reiseführer Lonely Planet zählen die weltberühmte Felskanzel zu den spektakulärsten Naturdenkmälern der Welt.

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Als wir loslaufen hält das klare Wetter an. Doch ich traue dem Wetter so hoch im Norden nicht. Ich weiß wie launisch es hier sein kann. Es warnt dich nicht vor, es überrascht dich einfach. Durch die hohen Berge siehst du das Unheil nicht kommen. Natürlich sind unter Unheil, kein Tornado und auch kein Orkan zu verstehen. Aber bereits starker Regen oder ein Sturm könnten unserer Wanderung beeinträchtigen oder uns gar zwingen auf halben Weg umzukehren. So schnell wie möglich lassen wir diesen Gedanken hinter uns und marschieren los.

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Schon auf den ersten Metern geht es steil nach oben. Große, unregelmäßige Steine, die vor hunderten vor Jahren von Mönchen aufgeschüttet und zu einer Art Treppe geformt wurden, bestimmen die ersten Meter. Bereits nach wenigen Minuten spüre ich wie das Atmen schwerer wird. Ich spüre das kräftige schlagen meines Herzen. Aus Erfahrung weiß ich, dass jede Bergwanderung so beginnt. Ich weiß auch, dass mein Körper bald seinen eigenen Rhythmus finden wird. In seinem Tempo, bis irgendwann, die Anstrengung und das Gehen völlig selbstverständlich werden. Und wenn man weit genug gelaufen ist, wenn man genug geschwitzt hat, stellt sich plötzlich eine Leichtigkeit des Geistes ein, die an Meditation erinnert. Mein Sohn dagegen muss seinen Weg mit der Schinderei umzugehen erst finden. Die röte in seinem Gesicht und das keuchen verraten mir wie anstrengend es für ihn ist.

Ich weiß, dass ich heute nicht mit meiner üblichen Schnelligkeit werde gehen können. Ich weiß auch, dass ich die eine oder andere Pause zusätzlich werde einlegen müssen. Doch egal ob wir heute dort Oben ankommen oder nicht, er wird mein Held, mein Hero bleiben.

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Nach etwa dreißig Minuten flacht der Wanderweg etwas ab und die Outdoorschuhe bekommen etwas Erholung. Doch dann, als wie schon glauben unsere Anstrengung hätte ein Ende, werden plötzlich aus großen Steinen Felsen und der Weg noch steiler. An manchen Stellen benutzen wir sogar die Hände um vorwärts zukommen. Das ganze ähnelt jetzt mehr einer Kletterpartie, als einer Wanderung.

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Seit Wochen hatte ich eine bestimmte Vorstellung von dem Foto welches ich auf dem Preikestolen machen sollte. Sogar der Platz an dem es stehen wird existiert bereits in meinen Kopf. Im Vordergrund sitzend mein Sohn und ich, hinter uns das volle Panorama. Zu diesem Zwecke schleppe ich nicht nur meine Kamera sonder auch ein Stativ mit. Jetzt, nach noch nicht mal einer Stunde verfluche ich erst das schwere Stativ und dann mich dafür, dass ich es mitgenommen habe. Man kann es nicht oft genug betonen, wie wichtig es auf Bergwanderungen ist das Gewicht des Equipments unter Kontrolle zu halten. Aber ich wollte und will unbedingt dieses Foto. Dementsprechend begrüße ich den entspannten Teil der Strecke der über eine Art Holzsteg führt.

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In den wenigen Rastpausen die wir uns gönnen, setzen wir uns hin und schauen weit in die Ferne. Bereits auf halber Strecke ist die Aussicht atemberaubend. Der Horizont scheint unendlich. Wir blicken nach Norden, in die Richtung, die in den nächsten Tagen vor uns liegt und erzählen uns jetzt schon Geschichten die wir noch erleben werden. Einen Kompass um die Himmelsrichtung zu bestimmen brauchen wir nicht. Der Himmel ist  wolkenlos und klar, die Sonne steht nordisch tief. Allerdings gibt sie nicht mehr viel Wärme ab, so dass man schnell wieder in Bewegung kommen möchte.

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Allmählich ändern sich die Landschaft und die Beschaffenheit des Wanderweges. Die Steintreppe weicht einem flachen Felsplateau. Die glatten Felsen verlaufen relativ flach, so dass der Weg einfacher wird. Die Landschaft sieht aus wie aus einem Tolkien Roman. Sie erinnert mich an die Szene, in der Frodo und die Gefährten um den in die Tiefe gestürzten Gandalf trauern.

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An einem See rasten wir noch einmal. Wir essen Kekse und trinken gierig aus unseren Wasserflaschen. Mittlerweile ist es fast sechzehn Uhr und der Großteil der Wanderer befindet sich wieder auf dem Rückweg. Nur noch eine Handvoll Menschen wandern in die andere Richtung. Genauso verschwitzt und erledigt wie wir.

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Der Preikestolen ist ein Touristenmagnet. An schönen Sommertagen wandern tausende um dort oben die Aussicht zu genießen. Doch heute ist es gespenstisch leer. Das gibt mir Hoffnung, dass es oben nicht so überfüllt sein wird.

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Als wir dann noch ein Stück weiter laufen, bekommen wir den ersten Blick auf den Lysefjord. Er glänzt in einem tiefen Blau und schenkt der kargen Umgebung einen angenehmen Gegensatz. Wir fotografieren einfach drauf los. Nutzen das angenehme Licht der langsam untergehenden Sonne.

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Es geht weiter. Jetzt werden die Felsen etwas rutschig und an manchen Stellen arbeiten wir wieder mit Händen und Füßen. Weitere Menschen sind jetzt nicht mehr zu sehen. Was ich allerdings entdecke ist eine Art Hängebrücke die seitlich an der Felswand befestigt wurde. Dann gehen wir so nah am Abgrund, dass ich meinen Sohn an der Hand festhalte. Unter uns ein halber Kilometer freien Fall.

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Und dann endlich sehe ich ihn, majestätisch ragt er über dem Fjord. Nicht eine Menschenseele, nicht eine einzige. Welch ein seltenes Glück denke ich. Dieses Landschaftsbild hat etwas großes, etwas wahres. Zumindest empfinden wir so.

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                            Von MD

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